Als einer von uns noch bei Campax Kampagnen machte, ging es einmal darum, innert Tagen Notunterkünfte für Tausende Geflüchtete zu koordinieren. Menschen, die alles verloren hatten, brauchten ein Bett, einen Namen auf einer Liste, eine Zusage. Woran wäre das Ganze fast gescheitert? Nicht am Willen. Nicht an fehlenden Betten. An einem Wust aus Excel-Tabellen, den keiner mehr zusammenbekam.
Zwei Leute pflegten dieselbe Liste in zwei Versionen. Eine Zusage ging unter, weil sie in der falschen Datei stand. Am Ende hat alles funktioniert, aber es kostete Nerven und Nächte, die eigentlich der Sache gehört hätten. Das war der Moment, in dem uns etwas klar wurde: Der gute Wille einer Organisation ist nur so stark wie die Technik, die ihn trägt.
Aus dieser Erfahrung ist nowtec entstanden. Aktivismus im Herzen, Technologie im Kopf. Wir bauen heute die digitalen Lösungen, die wir uns in den intensivsten Kampagnen-Zeiten gewünscht hätten. Und je länger wir das tun, desto hartnäckiger werden wir bei einer Frage, die viele Organisationen zu spät stellen: Wo liegen eigentlich eure Daten, und wem gehören sie?
Der bequeme Weg hat eine Rechnung, die später kommt
Die meisten NGOs sind nicht aus einer Strategie heraus dort gelandet, wo sie technisch stehen. Es ist gewachsen. Ein Gratis-Tool hier, ein US-Cloud-Dienst da, ein Formular, das schnell online musste. Jede einzelne Entscheidung war vernünftig. Zusammen ergeben sie etwas, das niemand so geplant hätte: Spenderdaten auf amerikanischen Servern, ein Adressbestand, den nur ein Anbieter exportieren kann, ein System, aus dem man nicht mehr herauskommt, ohne dass etwas zerbricht.
Das nennt sich Vendor-Lock-in, und es ist selten böse Absicht. Es ist der Preis des bequemen Wegs. Nur zahlt man ihn nicht am Anfang, sondern dann, wenn es am wenigsten passt: bei der Migration, beim Datenschutz-Audit, bei der Frage des Vorstands, warum die Mitgliederdaten eigentlich bei einem Konzern liegen, dessen Geschäftsmodell mit den Werten der Organisation wenig zu tun hat.
Wir sagen das offen, weil wir es ernst meinen: Ausgerechnet Organisationen, die für Selbstbestimmung, für Rechte, für Unabhängigkeit kämpfen, sollten ihre digitale Selbstbestimmung nicht aus Versehen abgeben.
Souveränität ist kein Etikett, sondern eine Zusage
„Digitale Souveränität“ steht inzwischen auf vielen Folien. Bei uns ist es keine Vokabel, sondern eine Zusage, die man nachprüfen kann.
Erstens: Eure Daten liegen in der Schweiz oder der EU, wo DSG und DSGVO greifen, und nicht auf Servern, die einer fremden Rechtsordnung unterstehen. Zweitens: Ihr könnt jederzeit gehen. Kein Format, das euch festhält, keine Exportsperre, kein „das lässt sich leider nicht migrieren“. Und drittens: Ihr wisst, was läuft. Offene Standards, nachvollziehbare Systeme, oft quelloffene Software wie Nextcloud, bei der niemand die Tür von aussen zuschliessen kann.
Das ist kein ideologischer Luxus. Es ist der Unterschied zwischen „wir nutzen ein Werkzeug“ und „ein Werkzeug hat uns in der Hand“.
Souveränität gegen Bequemlichkeit? Nein
Ein ehrliches Wort, weil wir keine Bekehrungspredigten mögen: Die grossen Plattformen sind bequem, weil sie viel richtig machen. Sie sind schnell eingerichtet, sie funktionieren, sie kennt jeder. Wer behauptet, souveräne Infrastruktur sei immer der einfachere Weg, verkauft euch etwas.
Der Punkt ist ein anderer. Bequemlichkeit ist gut, solange man sie bewusst wählt. Zum Problem wird sie, wenn man sie unbewusst gegen Kontrolle eintauscht. Eine gut gebaute, souveräne Umgebung muss sich im Alltag nicht schlechter anfühlen als eine US-Cloud. Sie darf ruhig praktisch sein. Sie soll nur nicht den Preis haben, dass ihr eure Daten aus der Hand gebt.
Genau da liegt unsere Arbeit: Souveränität so umzusetzen, dass sie sich nicht wie Verzicht anfühlt, sondern wie ein aufgeräumtes Haus, dessen Schlüssel euch gehören.
Was das im Alltag heisst
Weniger Theorie, mehr Beispiel. Eine Organisation kommt zu uns mit drei Tools, die nicht miteinander reden, einem Spendenbestand in vier Tabellen und dem unguten Gefühl, nicht mehr genau zu wissen, wo welche Daten liegen. Wir fangen nicht mit einer Produktliste an, sondern mit einer Bestandsaufnahme: Was habt ihr, wo liegt es, was ist Risiko, was ist bloss unbequem?
Danach räumen wir auf. Systeme, die miteinander reden. Daten, die in der Schweiz oder EU liegen und euch gehören. Ein Weg nach draussen, der offensteht, falls ihr irgendwann etwas anderes wollt. Und ein Monitoring, das anschlägt, bevor etwas kippt, statt danach.
Das Unspektakuläre daran ist der Punkt. Gute Infrastruktur merkt man nicht, weil sie einfach trägt. Wir bauen sie sauber, wir deployen sauber, wir warten zuverlässig. Und wenn etwas ist, sprecht ihr mit uns, mit Menschen, die den NGO-Alltag kennen, und nicht mit einer Ticket-Schlange.
Die Technik soll der Mission dienen, nicht umgekehrt
Zurück zu den Notunterkünften von damals. Geblieben ist uns nicht der Frust über die Excel-Listen. Geblieben ist die Überzeugung, dass keine Organisation ihre Energie an ihre Werkzeuge verlieren sollte. Diese Energie gehört der Arbeit: den Menschen, der Kampagne, der Sache.
Deshalb pochen wir so hartnäckig auf digitale Souveränität. Nicht, weil es gut klingt, sondern weil die Frage, wo eure Daten liegen und wem sie gehören, am Ende darüber entscheidet, wie unabhängig ihr arbeiten könnt.
Wenn ihr bei eurer eigenen IT nicht ganz sicher seid, wo ihr steht: Reden wir. Der erste Blick darauf ist ehrlich gemeint und kostet nichts.